Einsamkeitsgespräch

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„Wenn ich am Sonntagnachmittag zum Beispiel allein im Café sitze und am anderen Tisch einen netten Mann sehe, der auch allein ist, dann denke ich oft: Ob der vielleicht genauso einsam ist wie ich? Vielleicht suchen wir beide dasselbe, eine Beziehung, aber das werden wir nie voneinander erfahren. Denn man geht doch nicht einfach auf so jemanden zu und sagt: Hallo, bist du vielleicht auch auf der Suche nach…?“

„Warum das denn nicht? Wieso solltest du nicht auf jemanden zugehen und…“

„Bist du denn verrückt geworden? Ich bin doch nicht blöd und gebe gegenüber einem wildfremden Menschen zu, dass ich dringend eine Beziehung brauche!“

„Moment mal! Du musst doch nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten und sagen, dass du gern eine Beziehung hättest und er vielleicht der glückliche Gewinner ist. Aber warum kannst du nicht einfach auf ihn zugehen, ein Gespräch beginnen und versuchen, einen Kontakt herzustellen?“

„Na du glaubst doch wohl nicht im Ernst, dass der Mann so naiv ist und nicht merkt, dass ich etwas von ihm will!“

„Aber es stimmt doch auch, du willst doch was von jemandem. Kontakt, Aufmerksamkeit, Gespräche, vielleicht eine Beziehung.”

„Ja, aber das brauch ich dem Kerl nicht auf die Nase zu binden!“

„Aber du sagst doch immer, du hättest gern eine Beziehung, eine gute, vertrauliche, exklusive Beziehung mit einem Mann. Stimmt doch?“

„Ja…, stimmt.”

„Gut. Die Frage ist also, wie du an eine solche Beziehung herankommst. Richtig?“

„Ja, stimmt.“

„Okay. Dann antworte doch mal selbst auf diese Frage. Wie kommst du an eine solche Beziehung?“

„Weiß ich nicht. Ich habe echt keine Ahnung!“

„Quatsch, natürlich weißt du das! Vielleicht nicht bis ins letzte I-Tüpfelchen und nicht was bei einem bestimmten Mann am besten klappt, aber eigentlich weißt du sehr gut, wie du an eine Beziehung herankommst.“

„Naja, einfach suchen!“

„Genau. Und wie suchst du am effektivsten nach einer Beziehung und findest hoffentlich auch eine?“

„Ja, wenn ich das wüsste…“

„Nun komm schon, denk mal nach. Wenn du einen guten Gebrauchtwagen haben willst, was machst du dann?“

„Toller Vergleich, einen Gebrauchtwagen suchen! Ich geh zum Autohändler, ich schau in die Zeitung, ich frage meine Bekannten, ob sie vielleicht etwas gehört haben, ich…“

„Genau! Du musst also aktiv auf die Suche gehen, darauf  zu gehen. Es passiert nur sehr selten oder überhaupt nicht, dass jemand von weitem deine Gedanken liest oder deine Bedürfnisse errät und dann eines schönen Tages vorbei kommt, klingelt und sagt: Guten Tag, gnädige Frau, ich hatte das Gefühl, dass sie einen Gebrauchtwagen benötigen und da dachte ich, dieser würde ihnen bestimmt gefallen. Und nun wollte ich einfach mal vorbeischauen und ihnen diesen Wagen anbieten. Sie brauchen sich nur noch zu entscheiden. Stimmt’s?“

„Ja, natürlich, aber es wäre schon einfacher, wenn…“

„Na klar, es wäre verdammt einfach, es wäre ideal! Aber wie groß ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass du so viel Glück hast, dass genau das, wonach du gesucht hast, eines Tages bei dir vor die Haustür gelegt wird. Und was für ein gebrauchtes Auto gilt, gilt fast genauso auch für eine Beziehung. Ob du das nun schön findest oder nicht.
Also, wenn du eine Beziehung suchst, was musst du dann tun?“

„Aber das soll doch wohl nicht heißen, dass ich einfach so auf gut Glück wildfremde Kerle ansprechen muss?“

„Nein! Aber wenn du irgendwo bist und jemanden siehst, der dir auf den ersten Blick gefällt, warum solltest du dann nicht ein Spielchen wagen und an deinem Ziel arbeiten? Ob das nun sonntags im Café ist oder Montagmorgen in der Bahn oder…“

„Ja, aber was soll so ein Kerl denn denken, wenn eine Frau einfach auf ihn zukommt und ein Gespräch anfangen will?“

„Was würdest du denn denken, wenn so ein Typ, nehmen wir mal an, er sieht gut aus, oder zumindest einigermaßen gut, auf dich zukommt und ein Gespräch anfangen will?“

„Ich glaube, ich würde es ein bisschen unheimlich finden, aber auf jeden Fall auch ziemlich spannend.“

„Du würdest dann sagen:
Mein Herr, wenn sie jemand mit einem Bedürfnis nach Gesellschaft sind, der eventuell einmal eine Beziehung eingehen will, dann gehen sie bitte schnell zurück an ihren Tisch, denn mit solchen Typen will ich nie im Leben etwas zu tun haben!“


„Nein, natürlich nicht. Ich würde mir doch nicht ins eigene Fleisch schneiden. Ich such natürlich jemanden, der auch so was will wie ich.“

„Genau. Also, wenn dieser Mann denkt, diese Frau will vielleicht etwas von mir, was dann?“

„Naja, vielleicht will er ja gar nichts. Vielleicht denkt er auch, dass mit einer Frau etwas nicht stimmt, wenn sie auf fremde Männer zugeht.“

„Okay. Das kann sein. Es kann angehen, dass er dich nicht mag oder dass er von aktiven Frauen nichts hält. Aber es kann genau so sein, dass es ihm gefällt.
Die Frage lautet: Wie kommst du dahinter ob er es nun mag oder nicht?“

„Indem ich es einfach ausprobiere. Aber trotzdem ist das ein Riesenschritt für mich, so etwas zu tun. Und dann stell dir vor, dass man dem Kerl nicht trauen kann, dass er denkt:
Ah, gleich zugreifen, die läuft direkt in meine Arme, die macht es mir leicht, die hat`s wohl nötig!“

„Ja und?
Gedanken sind frei. Wenn du ein Gespräch anfängst, bist du doch zu nichts verpflichtet. Und selbst wenn er dir gefällt, brauchst du ja nicht gleich mit ihm ins Bett zu gehen. Du kannst es ganz vorsichtig anfangen und dich die ersten Male nur an einem neutralen Ort verabreden, wenn du dir noch nicht ganz sicher bist.“

„Aber muss es unbedingt in einem Café sein, kann ich es nicht auch irgendwo anders machen?“

„Natürlich. Das kann überall sein, wo sich eine Gelegenheit bietet und wo du es willst.“

„Trotzdem wünschte ich mir, dass das alles einfacher wäre!“

„Das kann ich gut verstehen. Wenn du etwas Neues ausprobierst, etwas was du noch nie getan hast, bei dem du dich den Augen und dem Urteil eines anderen aussetzt, dann ist das natürlich schwierig. Es weckt Ängste. Das ist wie Lampenfieber, bevor du das erste Mal auf eine Bühne gehst. Diese Ängste ziehen einen Schleier über deinen Geist und erschweren die Vorstellung, dass du einfach von deinem Stuhl aufstehst, auf einen solchen Mann zugehst, ihn freundlich lächelnd ansiehst und fragst, ob er etwas dagegen hat, wenn du dich zu ihm an den Tisch setzt und mit ihm redest, weil dir gerade danach  zumute ist.
Aber genau das musst du machen. Du musst in deiner Vorstellung, vor deinem inneren Auge einen Film ablaufen lassen, in dem du die Hauptdarstellerin bist, und in dem du dich so benimmst, wie es nötig ist, um den Film zu einem glücklichen Ende zu bringen.
Das heißt, entweder kriegt ihr euch, oder du kannst dir am Ende selbstsicher sagen…“

„Dass ich es jedenfalls versucht habe…. Aber wie macht man so einen Film im Kopf?“

„Wie jeden anderen Film auch. Einstudieren, üben, Fehler heraussuchen und vor allem, den Schauspielern die übermäßige Angst davor nehmen. Und zwar so lange, bis sie einigermaßen entspannt spielen können.
Und wenn der Film ein Kassenschlager werden soll, mußt du dir einen zugkräftigen Titel ausdenken.
Hast du schon eine Idee?“


„Ja. Nie schießen geht immer daneben.“

 
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