Relatives Elend

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Eines Tages bekommt der Rabbi Besuch von einem ratlosen Bauern. Sein Familienleben ist eine Katastrophe:
Mit seiner Frau liegt er ständig im Streit, seine Kinder sind widerspenstig und seine Schwiegereltern, die bei ihm im Haus leben, beschweren sich den ganzen Tag lang über mangelnde Aufmerksamkeit.
Er fragt den Rabbi was er tun soll.
Der Rabbi rät ihm, die Hühner aus dem Nest und zu sich ins Haus zu holen.
Der Bauer ist erschüttert, doch er wagt nichts zu entgegnen und tut, was ihm gesagt wurde.
Nach einigen Tagen haben sich die Zustände im Haus noch verschlimmert.
Der Rabbi rät dem Bauern, nun auch noch die Kuh im Haus unterzubringen. Entsetzt tut der Bauer, was ihm geraten wird.
Einige Tage später kommt er wieder zum Rabbi, einem Nervenzusammenbruch nahe, und der sagt ihm, er solle nun auch noch das Pferd bei sich einquartieren.

Schon nach einem Tag kommt der Bauer wieder, sein Leben ist ein einziger Alptraum geworden. Da sagt der Rabbi:
„Geh nach Haus und wirf das ganze Vieh aus dem Haus“
Als der Rabbi dem Bauern ein paar Tage später wieder begegnet, ist dieser überglücklich und bedankt sich stürmisch:
„Endlich haben wir wieder Ruhe im Haus, es ist wirklich wie ein Wunder!“

Der Rabbi in diesem Witz ist ein ausgezeichneter Psychologe. Er erkennt, dass Glück und Unglück nur relativ sind. Wir fühlen uns immer glücklich oder unglücklich im Vergleich zu etwas oder jemand anderem. Heute geht es uns gut, weil die Kopf- oder Zahnschmerzen von gestern wieder vorbei sind. Wir geraten in einen Verkehrsunfall, haben aber noch Glück im Unglück, denn es ist nur ein Blechschaden. Wir sind total sauer als wir entdecken, dass unser Fahrrad ungefragt mitgenommen wurde. Als uns aber kurz darauf unser Nachbar berichtet, dass ihm seine Frau „gestohlen“ wurde, schätzen wir uns noch sehr glücklich. Es hätte ja alles noch viel schlimmer kommen können.

Diesen Trick, durch den Gedanken an ein viel  größeres Unglück, ein anderes zu relativieren, nennen Psychologen einen „abwärts gerichteten Vergleich“. Eine Methode, uns selbst, unser „Ich“ vor der unangenehmen Realität des Lebens zu  schützen und davor, unseren eigenen Schwächen oder Unzulänglichkeiten ins Auge sehen zu müssen.

Mir fällt immer wieder auf, wie Krankenhauspatienten und ihre Besucher zur Besuchszeit mit einem gewissen Eifer „über den schwerkranken Patienten da drüben“ sprechen, als ob die Erkenntnis, „dass alles noch viel schlimmer hätte kommen können“ sie alle wieder aufmöbelt.
Aus demselben Grund können alte Menschen Traueranzeigen von A bis Z auswendig oder sprechen fast angeregt über den Tod eines Altersgenossen:
„Ich bin zwar auch alt und gebrechlich, aber mir geht es ja noch ganz gut, und er ist nun schon….“

Man muss übrigens nicht alt und krank sein, um sich von dem Vergleich mit anderen, denen es noch schlechte geht, stimulieren zu lassen. Wie oft rufen wir nicht andere an oder sie uns mit dem feierlich vorgebrachten Eröffnungstreffer
„Hast Du eigentlich schon gehört, dass…“, worauf dann mit getragener Stimme ein Katastrophenbericht über eine dritte Person durchgegeben wird. Dabei fällt auf, dass der Berichterstatter oft einen, nicht ganz geglückten, Versuch unternimmt, eine gewiss Freude oder sogar Begeisterung zu verbergen. Dabei muss es sich nicht unbedingt um eine Person handeln, die der Anrufer persönlich kennt. Es kann auch gern ein Film- oder Fernsehsternchen sein. Dabei muss es etwas sein, womit die sonst beneidete Berühmtheit im Vergleich mit dem Anrufer (oder mit dir selbst) schlechter abschneidet.

Zahlreiche BLÄTTER leben von dem Phänomen des abwärts gerichteten Vergleichs.
Während wir in der Öffentlichkeit nicht mit den Stars konkurrieren können (eigentlich auch ganz logisch, denn sonst wären nicht sie berühmt, sondern wir!), können wir im Privatleben jedenfalls wieder mit ihnen gleichziehen, wenn sie eben Probleme haben, die wir nicht haben. Von wegen „berühmt sein ist eben auch nicht alles“.

Und hier geraten wir an den psychologischen Kern der vielgeschmähten Klatschgeschichten, von denen es zwei verschiedene Kategorien gibt. Die eine ist die echte Verleumdung und Diffamierung. Wir erzählen einer dritten Person absichtlich negative, nachteilige Dinge über jemanden, von denen wir entweder wissen, dass sie nicht wahr sind oder von denen wir im Moment noch nicht wissen, ob sie tatsächlich wahr sind.

Die andere Art von Klatschgeschichten ist, negative oder nachteilige Dinge über eine dritte Person zu erzählen, die zwar wahr sind, deren Erzählung uns aber eine gewisse Befriedigung oder Freude verschafft. Das muss übrigens nicht zwangsläufig nur Schadenfreude sein. Es kann auch sein, dass wir uns einfach weniger negativ, inkompetent, erbärmlich oder einsam dadurch fühlen, dass jemand anders nun auch einmal „so was durchmacht“ oder „danebenhaut“.
Da kein Mensch, egal was er oder sie auch behaupten mag, frei von Minderwertigkeitsgefühlen, Selbstzweifeln und Verletzlichkeit ist, ist die Feststellung, dass auch anderen nichts Menschliches fremd bleibt, beruhigend, vor allem bei denjenigen, zu denen man eigentlich aufblickt. Es ist beruhigend, weil du dann vielleicht doch gar nicht so übel oder dem anderen unterlegem bist, wie du manchmal glaubst. Oder weil die Niederlagen, die du im Leben schon erlitten hast, vielleicht doch nicht nur deine eigene Schuld sind, denn sie können ja auch anderen passieren.
Oder,  genau umgekehrt, weil die Rückschläge, die jemand anders erleiden muss, nicht einfach jeden treffen können (dich selbst eingeschlossen). Von daher sind diese Art Klatschgeschichten eine Art Schutz oder sogar Reparatur deines Egos.

Ich war einmal bei einem Gespräch dabei, in dem es um jemanden ging, der kurz zuvor pleitegegangen war. In schillernden Einzelheiten wurde der Vorgang erörtert und das Mitleid mit dem Bankrotteur zum Ausdruck gebracht. Aber auf einmal änderte sich veränderte sich der Inhalt des Gesprächs und man sprach plötzlich darüber, dass es  zum Teil auch seine eigene Schuld war, dass er es falsch angepackt hätte und ähnliche Dinge mehr.

Ohne sich dessen bewusst zu sein, beruhigten sich die Gesprächsteilnehmer selbst.
Einmal, weil diese Niederlage ja nicht jeden (also auch sie nicht) treffen kann und zum anderen, weil man ja selbst etwas dagegen tun kann, wenn man nur aufmerksam, vorsichtig oder clever genug ist. Dadurch gaben sie sich selbst das angenehme Gefühl, eine gewisse Kontrolle über ihr (geschäftliches) Schicksal auszuüben.
Bis dann jemand bemerkte, dass es nicht immer so einfach sei und dass die Umstände manchmal so ungünstig sein könnten, dass man einfach kapitulieren müsse. Und dann bekannte er, dass und wie er einmal pleitegegangen sei. Die anderen registrierten zunächst erschrocken und gaben sich dann alle erdenklich Mühe, zum Ausdruck zu bringen, dass sie es nicht so gemeint hätten, als sie sagten, es läge immer an einem selbst, wenn man…..
Wie um diese Worte zu bekräftigen, begannen dann einige, eigene geschäftliche Fehlschläge einzugestehen, darunter auch einer, der gerade noch mit dem Schrecken davongekommen war. Es schien beinahe so als würden sie eine Art Freundes-Selbsthilfe-Gruppe werden. Nach dem Motto „unter uns, wir kochen auch nur mit Wasser“.
Außerdem führten sie allerlei Beispiele an, mit denen sie dem Pleitemacher zu verstehen geben wollten, dass ein Bankrott gar nicht so schlimm gewesen sei. Es hätte ja  noch viel schlimmer kommen können. Das taten sie in der Absicht, ein geknicktes Ego so gut wie möglich zu reparieren und ihn wieder aufzuheitern. Das gelang auch.

Die Moral:
1.Es  ist nicht so schlimm, dein eigenes Elend durch Klatschgeschichten zu relativieren, wenn du zumindest die Wahrheit sagst.
2. Freundschaft wird in dem Moment geboren, in dem der eine Mensch zum anderen sagen kann:
„Was, du auch?
Ich dachte immer, ich wäre der einzige, der…“

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