„Mein Sohn geht zweimal pro Woche für 100 Euro zu einem Psychologen und redet dabei nur über mich“, berichtet die Mutter strahlend ihrer Freundin. Ein Witz mit ernstem Hintergrund. Jeden Tag sitzen Tausende in den Wartezimmern von Psychiatern, Psychologen, Hausärzten, Sozialarbeitern und Geistlichen und dabei ist es ganz bestimmt keine Seltenheit, dass sie ausführlich über ihre Eltern sprechen. Auch außerhalb der Wartezimmer sprechen Kinder in regelmäßigen Abständen mit Freunden und Freundinnen oder Bekannten über ihre Eltern.
Auf den ersten Blick ist das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern unproblematisch. Wenn man Kinder, junge oder alte, fragt ob sie ihre Eltern lieben, antworten acht von zehn rundheraus mit „ja“. Ein echter Lichtblick neben den ekelerregenden Berichten über Kindheitstraumata, über körperlichen, sexuellen oder emotionalen Missbrauch in der Familie.
Was aber bedeutet es, wenn Kinder sagen, dass sie ihre Eltern lieben? Ich glaube, dass auch Kinder, die nicht so gut mit ihren Eltern zurechtkommen, nicht sofort sagen würden , dass sie ihre Eltern nicht lieben. Das könnte nicht nur gewaltige Schuldgefühle hervorrufen, das Gefühl, nicht loyal zu sein (es sind doch meine Eltern!) Für viele Kinder würde es auch das Aufgeben einer wichtigen Phantasie und eines tiefsitzenden Verlangens bedeuten. Sie wünschen sich nämlich, irgendwann einmal eine liebevolle, intime und auf gegenseitiges Verständnis basierende Beziehung mit den Eltern zu haben.
Aber warum wollen wir denn gerade zu unseren Eltern so eine Beziehung haben? Es gibt doch genug andere Menschen auf der Welt. Und warum ist denn das emotionale Verhältnis zwischen Eltern und Kindern oft so schwierig? Es ist nicht wirklich schlecht, aber richtig gut oder gar großartig ist es auch nicht. Und wenn das Verhältnis nicht so ist, wie wir es gerne haben würden, warum ist es dann so verdammt schwierig, etwas daran zu ändern? Ich habe im Lauf der Zeit viele erwachsene Kinder erlebt, die, wie sie meinten, immer wieder mit den besten Absichten versuchten, ein echtes Gespräch, einen echten Kontakt mit ihren Eltern herzustellen, und die immer wieder aufs Neue enttäuscht wurden.
Die Antwort auf die diese Frage enthält die Tatsache, dass die Beziehung mit den Eltern für das Kind die erste Beziehung auf der Welt ist. Dadurch ist und bleibt sie in mancherlei Hinsicht auch die wichtigste und entscheidendste. Sie bildet oft das Grundmuster für spätere Beziehungen mit anderen im positiven und negativen Sinne.
So verrückt es klingen mag - ein Grund, warum diese Beziehung für uns so wichtig ist: Wir wurden alle zu früh geboren. Im Moment unserer Geburt sind wir noch unfertig, noch nicht bereit, der Welt die Stirn zu bieten. Unsere einzige Verteidigung gegen ein Universum voller Gefahren sind unsere Eltern, vor allem unsere Mutter, unter deren Schutz die gebär-mütterliche Periode sozusagen verlängert wird. Das vollkommen abhängige Menschenkind und seine Mutter bilden noch monatelang nach der Geburt nicht nur körperlich, auch psychologisch eine Zwei-Einheit. Jede längere Abwesenheit der Mutter ruft eine Spannung im Kind hervor und damit auch Frustrationen und aggressive Tendenzen. Dasselbe passiert, wenn die Mutter sich veranlaßt sieht, dem Kind Beschränkungen aufzuerlegen, es ins Bett zu legen, oder ihm etwas wegzunehmen, was es haben will.
Mit anderen Worten: Das erste Objekt aggressiver Gefühle für das Kind ist dasselbe wie das erste Objekt seiner Liebesgefühle, und das erste Ideal im Leben ist unbewusst die Zwei-Einheit von Mutter und Kind. Zuneigung und Wut sind offenbar vom Beginn unseres Lebens an zwei Seiten derselben Medaille. Aber das kleine Kind hat Angst vor den eigenen aggressiven Gefühlen gegenüber den Eltern, denn sie bergen die Gefahr und die Angst in sich, die Eltern von sich zu entfernen. Das Kind lernt dabei früh, diese Gefühle zu unterdrücken, zu verstecken und nur indirekt auszudrücken. Und auch hier gilt wohl: Jung gelernt, alt getan Kinder können, auch wenn sie (praktisch) erwachsen sind, von dem Gelernten, den Eltern keine negativen Gefühle mitzuteilen, nicht ablassen. Verstärkend kommt noch hinzu, dass viele „ausgewachsene“ Kinder noch von ihren Eltern (finanziell) abgängig sind. Außerdem haben viele Eltern von Anfang an Schwierigkeiten damit eine deutliche Grenze zwischen sich und dem Kind zu ziehen. Oft verlangen sie unbewusst von ihrem Kind, dass es genauso fühlt und denkt wie sie selbst. „Zieh den Pullover an, mir ist kalt!“
Darum merken sich viele Kinder, dass man abweichende Gedanken und Gefühle lieber für sich behält. Das gilt eben auch für positive Gefühle! Tochter:“ Bei Tante E. ist es immer so gemütlich.“ Mutter gereizt: „ Findest du es etwa hier nicht gemütlich?“
Nun wird vielleicht langsam deutlicher, warum so viele erwachsene Kinder und Eltern das Gefühl haben, dass in ihrer Liebesbeziehung etwas fehlt, etwas, was beide bedauern, was sie aber nicht genau einordnen können.
Verschiedene Liebesformen in unserem Leben setzen sich jedenfalls aus einer oder mehreren der folgenden Zutaten zusammen: Aus Verbundenheit - Das Wohl und Wehe eines anderen liegt dir am Herzen und du bist bereit, Energie darauf zu verwenden. Emotionale Intimität - Ohne Angst gegenüber einem anderen auch zarte, negative oder positive Gefühle äußern können Leidenschaft - Gefühle körperlicher Erregung
Eine gute Partnerbeziehung enthält in der Regel alle drei Zutaten, eine enge Freundschaft ist eine Mischung aus den ersten beiden. Die Beziehung vieler Kinder und Eltern besteht oft nur aus Verbundenheit: sie sind besorgt, betroffen vom Wohl und Wehe des anderen und bereit, Energie darauf zu verwenden. Glücklicherweise beinhaltet die Eltern-Kind-Beziehung meist keine Leidenschaft, aber oft fehlt leider auch die emotionale Intimität. Und zwar genau aus den vorher genannten Gründen.
Viele Kinder sehnen sich nach einer erwachsenen, emotional intimen Beziehung mit ihren Eltern.
Schon seit Menschengedenken haben weise Männer und Frauen (auch in der Bibel) darauf gedrungen, dass Kinder ihre Eltern „verlassen“ müssen. Und das ist nicht nur im übertragenen Sinne gemeint, sondern auch wortwörtlich. Sie müssen bestimmte Vorstellungen und Gedanken ihrer Eltern verlassen. Sie müssen sagen können:
Das habe ich von Dir mitbekommen, und das behalte ich auch, weil ich es gut finde. Und das habe ich zwar auch von dir mitbekommen, aber das kannst du zurückkriegen, das finde ich nämlich nicht gut.
Viele Eltern würden das als Verrat betrachten. Und das ist es auch, aber in einem anderen als in dem normalerweise gemeinten Sinn. Verrat heißt hier, dass man einen bestimmten RAT nicht haben will.
Solange es keine vollkommenen Eltern gibt, ist es eine liebevolle Geste, wenn Kinder diese Unvollkommenheit akzeptieren, und es ist genau so liebevoll, wenn Eltern, die auf ihre Unvollkommenheit hingewiesen werden, sich deswegen nicht so komisch anstellen. zum Verzeichnis nach oben |