Nicht lange nach der Sendung meines Radio-Beitrags über die Beziehung der Eltern zu ihren erwachsenen Kindern bekam ich von Freunden eine Einladung, mit einem anderen Paar essen zu gehen, von dem sie erzählten, sie seien regelmäßig Hörer meiner Vorträge. Plötzlich, zwischen zwei Gängen, sagte der Mann mit tränenerstickter Stimme. „Es gab da ein Satz von ihnen, der uns besonders getroffen hat: Eltern lieben ihre Kinder mehr, als Kinder ihre Eltern lieben.“ Und dann erzählten beide ihr Geschichte.
Seit etwa acht Jahren hatte ihre Tochter, verheiratet und drei Kinder, jeden Kontakt zu ihnen abgeblockt. Ihr jüngstes Enkelkind – nun auch schon mehrere Jahre auf der Welt – hatten sie noch nie gesehen. Unzählige Versuche, doch noch auf die eine oder andere Art Kontakt zu bekommen, wobei sie auch Mittler aus der Familie einbezogen hatten, waren ohne Erfolg geblieben. Die Frage „Warum?“ hatte ihnen all die Jahre keine einzige verständliche, geschweige denn befriedigende Antwort gegeben. Abgesehen von dem Zorn auf ihre Tochter und vor allem auf ihren Schwiegersohn hatten sie sich auch gegenseitig Vorwürfe gemacht. Der eine Ehepartner fand, dass der andere in der Vergangenheit mit der Tochter und vor allem mit deren Mann auf eine Art und Weise umgegangen war, die möglicherweise zu dem Bruch beigetragen hatte. Es zeigte sich, dass sie am Anfang über ihren Schwiegersohn Dinge gesagt hatten, auch gegenüber der Tochter, die darauf hinausliefen,, dass er nicht gut genug war. Als ich weiter fragte, stellte es sich heraus, dass sie so noch immer dachten. Was sie letztlich gemeinsam teilten und was immer schlimmer wurde, war der Kummer. Der Kummer über den Verlust eines lebenden Kindes. Das ist ein ganz anderer Verlust als der Verlust eines Kindes das stirbt. Der Verlust eines lebenden Kindes kann rückgängig gemacht werden. Aber er wird nicht rückgängig gemacht. Wissen, dass ihr eigenes Kind lebt und dass es sich dennoch, den Eltern gegenüber tot stellt. Wissen, wo das eigene Kind wohnt und sich doch vor den Eltern verborgen hält. Das ist wohl die schlimmste Abweisung, die einen Menschen treffen kann. Ein Partner kann einen abweisen und das kann sehr schlimm sein. Man kann sich eines Tages entscheiden, einen anderen Partner zu suchen. Ein Elternteil kann einen abweisen und das kann sehr schlimm sein. Aber man kann sich entscheiden, sich anderen Menschen anzuschließen und eine Zukunft aufbauen. Doch wenn Ihr erwachsenes Kind Sie abweist, können Sie kein Ersatzkind wählen!
Eltern, die von einem leiblichen Kind negiert werden, werden als Eltern für tot erklärt. Sie sterben dadurch teilweise auch emotional. Und das sie als Partner, Arbeitnehmer oder selbst als Kinder von Eltern weiterleben, ist es ein Sterben, das fortwährend gefühlt werden muss. Das war es auch, was ich an jenem Abend am Tisch mit den beiden Eltern spürte. Etwas starb unablässig in ihnen und dieser Prozess schmerzte so sehr, dass sie all die Jahre hindurch nicht oder kaum an etwas anderes haben denken können. Natürlich hatten sie ihren Stil gefunden, um den Schmerz so gut es ging zu bekämpfen: Arbeiten, hübsche Dinge kaufen, gemeinsam reisen. Aber all die Ablenkungen funktionierten nicht wirklich oder nur für kurze Zeit.
Was haben Eltern eigentlich falsch gemacht, wenn ihr Kind sie nicht mehr braucht? Die meisten Eltern haben ihr Kind nicht körperlich, sexuell oder emotional misshandelt. Auf ihre Weise haben sie immer mit großem Engagement die Entwicklung und das Wohlergehen ihres Kindes gefördert. Und doch widerfährt es auch diesen Eltern,, dass sie von ihrem Kind verlassen werden
Die Antworten auf die Frage, was Eltern falsch gemacht haben, ähneln denen auf die Frage, warum Ehescheidungen so stark zugenommen haben. Wir wissen heute, das es weder das Geld noch die soziale Position ist, die Ehen zusammenhält, sondern das Maß, in dem sie psychologisch und emotional zueinander passen. Doch die psychologische Passform ist eine empfindliche.
Etwas Ähnliches gilt für die Beziehung zwischen Eltern und erwachsenen Kindern. Die meisten Kinder sind so stark mit der eigenen Karriere und/oder der des Partners beschäftigt, und mit einer Menge anderer Dinge, sodass die Pflege einer Beziehung mit den eigenen Eltern oft am Ende des Zeithaushaltes steht. Und dann wird eine solche Beziehung nach aller getanen Arbeit und allem Gehetze auch noch als Druck erlebt.
Schließlich kommt noch hinzu, dass die meisten Eltern mehr Zeit haben als ihre erwachsenen Kinder.
Ferner erleben viele erwachsenen Kinder ihre Eltern im Umgang als nicht wirklich interessant. Sie haben in der Regel eine schlechtere Ausbildung gehabt, sind, was ihre Kenntnisse und ihre Geschicklichkeit bezogen auf moderne Technik betrifft, oft Analphabeten und stammen aus einer Generation, in der Psychologie und Emotionen häufig suspekt waren. Nicht selten schämen sich erwachsene Kinder sogar für ihre weniger gebildeten Eltern.
Die entscheidende Frage in Bezug auf unsere Eltern ist nicht, ob sie perfekt waren oder nicht, sondern ob sie auf die ihnen mögliche Weise gut genug gewesen sind.
Einer der größten Fehler, die Eltern machen können, besteht darin, bei der Partnerwahl der Kinder offen Kritik zu üben. Natürlich hat man als Eltern darüber so seine eigenen Gedanken. Aber sie sollten sich zurück halten, die Gedanken für sich behalten. Sie sollten versuchen, die Partnerwahl aus der Perspektive ihres Kindes zu beurteilen und darauf vertrauen, dass es für ihn oder sie eine gute Wahl ist, bis zum Beweis des Gegenteils. Aber es gehört nicht zu den Aufgaben den Eltern, zu entscheiden, dass das was nicht ihrer Wahl entspricht, auch nicht der Wahl ihres Kindes entsprechen sollte.
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