An einem frühen Montagmorgen, es war noch dunkel und die Laternen brannten noch, brachte er seinen jüngsten Sohn zum Zug. Den größten Teil der Fahrt schwiegen sie. Beide waren berührt und ein wenig bedrückt von der Bedeutung, den dieser Augenblick für sie hatte. Mit seinem Umzug in ein Ausbildungszentrum, wo er ungefähr ein Jahr leben sollte, wurde eine wichtige Periode im Leben von Vater und Sohn abgeschlossen. Nach zwanzig Jahren verließ der Sohn das elterliche Haus. Das Haus, in dem er sein ganzes Leben gewohnt hatte. Nun sind in diesem Haus erstmals seit siebenundzwanzig Jahren keine Kinder mehr.
Wie sich das anfühlt, wie leer, wie traurig, war ihm sogar in dem Augenblick als er seinen Sohn zum Abschied küsste, noch nicht wirklich klar. Erst als er durch die stillen Straßen wieder nach Hause fuhr, überraschte es ihn wie ein unerwarteter Sturzregen
Er wusste eine Zeit lang nicht, was er mit seiner Traurigkeit anfangen sollte. Ein Kind, das er von ganzem Herzen liebte, machte einen für das Leben von Vater und Sohn wichtigen Schritt und der Vater hätte darüber froh und stolz sein müssen. Aber das war er nicht. Er fand es schlimm, dass der Sohn wegging. Er hätte ihn gern bei sich behalten. Es fühlte sich ein bisschen wie sterben an…
Er fragte sich: Empfinden das andere Eltern auch so? Und wenn es so ist, warum hört man so wenig darüber? Warum reden sie darüber, wie stolz sie sind, auf die Ausbildung, auf den Beruf, den ihr Kind gewählt hat, und kaum darüber, wie schmerzhaft es ist, ein „kinderloses“ Leben zu führen?
Am Abend wanderten die Gedanken des Vaters zu seinem Vater, zu dem Tag als er das elterliche Haus verlassen hat, und zu der Frage, ob sein Vater sich damals auch so fühlte wie er jetzt. Er wird es niemals wissen. Sie sind damals mit einem Riesenkrach auseinander gegangen. Beide waren furchtbar wütend aufeinander. Ihm wurde plötzlich bewusst, wie oft Abschiednehmen, Auseinandergehen, mit Zorn einhergeht. Warum ist das so?
Der naheliegendste Grund scheint zu sein: Weil der eine dem anderen etwas antat, was verletzend bzw. schädlich war. Wut ist dann der emotionale Ausdruck der Probleme, die die Beziehung gesprengt haben. Wut spielt aber bei Zerbrechen oder Veränderung einer Beziehung eine Rolle, ohne dass der eine dem anderen was Schlimmes angetan hätte. Wut ist dann eine Art emotionale Schmerzbekämpfung.
Wenn man wütend ist, fühlt man den eigenen Kummer, den eigenen Schmerz weniger. Man stößt den anderen von sich, um weniger zu spüren, dass man vom anderen verlassen wird. So gesehen, muss man vorsichtig sein mit den Erklärungsversuchen, wenn jemand wütend auf uns ist. Es muss nicht unbedingt bedeuten, dass er oder sie uns nicht mehr mag. Genau das Gegenteil kann wahr sein: Wir sind für den anderen wichtig und etwas was wir tun oder wollen, ist darum für den anderen schmerzhaft und Wut ist die Methode, den Schmerz zu neutralisieren.
Doch ist Wut, auf diese Weise ausgelebt, auch ein riskantes Gefühl; denn sie kann uns hindern, andere das wissen zu lassen, was das Kostbarste für Menschen ist: Einander zu kennen. Zu wissen, was man einander bedeutet, wie viel Liebe oder Sehnsucht nach Kontakt man füreinander hegt und wie man dieser Sehnsucht Gestalt und Ausdruck verleihen will. Natürlich macht uns das verletzlich. So ist es durchaus vorstellbar, dass der andere unsere Sehnsucht und unsere Liebe nicht teilt und ihr nicht auf eine Weise Gestalt geben will oder kann, wie wir uns das wünschen. Und das tut weh. Nur ist die einzige Beziehung zu einem anderen, von der wir wirklich profitieren, die Beziehung, die wir wirklich haben können. Das heißt: Die Beziehung, die der andere wirklich mit uns will. Mehr gibt es nicht. Nie.
Dem Vater wurde auf der Rückfahrt nach Hause klar: Ich will nicht mehr Beziehung und mehr Kontakt mit meinem Sohn, als er mir freiwillig geben kann und will. Es wird in Zukunft weniger sein als in den letzten zwanzig Jahren. Das tut weh, macht traurig. Aber ich will den Schmerz und den Kummer spüren. Denn sie sind Ausdruck seiner großen Bedeutung für mich und meiner kleinen Bedeutung für ihn. Die Bedeutung will ich spüren und in Augenblicken äußern, in denen es wirklich darauf ankommt. Und so gibt es keinen Raum für Wut. Schon gar nicht auf ihn. Aber auch nicht auf das Leben, das Kinder gibt und sie auch wieder nimmt. Kinder gehören uns nicht. Sie wurden uns lediglich anvertraut. zum Verzeichnis nach oben |